Let's Talk mit Dr. Thorsten Lambertus:

Datum: 21.10.2021

Wenn der Zug sich verspätet, sind womöglich die Gleise schuld.

Infrastruktur, ein notwendiger wirtschaftlicher und organisatorischer Unterbau als Voraussetzung für die Versorgung und die Nutzung eines bestimmten Gebiets, für die gesamte Wirtschaft eines Landes.


Unsere Gesellschaft unterliegt stetigem Wandel. Auch wenn dieser manch einem als schnell oder gar zu schnell erscheint, ändern sich manche Strukturen tatsächlich nur sehr langsam. Je größer und tiefer verankert jene Strukturen in unserer Gesellschaft und in unserem Alltag sind, desto langsamer geht solch ein Wandel üblicherweise vonstatten.


Es ist einfacher, sich alle zwei Jahre ein neues Handy zu kaufen, als sich jedes Mal ein neues Haus zu bauen.

Dasselbe gilt gesamtgesellschaftlich: Die unserem Zusammenleben zugrundeliegende Infrastruktur wird träge erneuert und auch nur dann, wenn wir eine solch gewaltige Investition für sinnvoll erachten. Dabei klammern wir uns so sehr an das Gewohnte, dass wir uns eine große Veränderung oder gar eine Umstellung auf ein anderes System oft nicht einmal vorstellen können.


Im Rahmen von Innovationen und Innovationsprozessen geht dies häufig damit einher, dass Menschen neue Technik im falschen Kontext einsetzen. Dies führt in der Regel dazu, dass die neue technologische Errungenschaft in der ‚alten‘ Infrastruktur ihr volles Potential überhaupt nicht ausschöpfen kann. Mobilität muss mit Autos anders gedacht werden als mit Kutschen, mit Elektroautos wiederum anders als mit Verbrennern – in beiden Fällen muss die Infrastruktur weiterentwickelt wenn nicht sogar völlig neu gedacht werden. Dasselbe gilt auch für unser heute unabdingbares Internet, welches anfangs noch über Telefonleitungen abgewickelt wurde. Eben jene Infrastruktur, die es damals bereits gab. Der wirkliche Durchbruch für die Technologie wurde jedoch erst mit neuer, proprietärer Infrastruktur möglich: schnelle Mobilfunkstandards wie 3G, 4G oder 5G sowie natürlich schnelle hausgebundene Anschlüsse mittels Kabel und DSL.


Im Rahmen unseres letzten ‚Let’s Talk‘ Events, welches beyond medicine regelmäßig mit dem REACH Euregio Start-up Center aus Münster ausrichtet, hatten wir Dr. Thorsten Lambertus zu Gast. Als ausgewiesener Gründer, Vernetzer und früherer Innovationsforscher baute Thorsten u.a. die Gründungsprogramme von Fraunhofer Venture mit auf, um Spin-Offs der Einrichtungen der Fraunhofer Gesellschaft zu unterstützen. Seit Mitte diesen Jahres hat er sich nun dem Healthcare Bereich zugewandt und leitet bei der Biogen das deutsche neurotechlab – die Schnittstelle des großen Biotech-Unternehmens zu Start-Ups und Innovatoren in Deutschland. Unter anderem bewegt hat ihn dabei der potentielle Impact, welchen Innovation in Medizin und Healthtech mit sich bringt.


Mit seiner großen Erfahrung rund um Innovationsprozesse sowie seiner einzigartigen Perspektive, war es ein kurzweiliges Event, in welchem Dr. Lambertus zunächst einmal den Blick von außen auf den Healthtech-Sektor geworfen hat. Wie auch in anderen Branchen fahre Innovation auch hier noch unter ihren Möglichkeiten, auch wenn es an guten Ideen oft gar nicht mangele. Doch gerade in der Medizin, speziell hier in Deutschland, würden wir zu oft noch versuchen, neue Lösungen in das Korsett alter Infrastruktur zu pressen – bis zuletzt die eigentlich neuen Ansätze bis zur Unkenntlichkeit verzerrt seien. Viel zu oft führen ‚innovative‘ digitale Prozesse dabei zu Redundanz, wodurch man bspw. als Ärztin neue Daten zwar digital erhalten kann, möglicherweise aber den klassischen Papier- oder Faxweg aus organisatorischen Gründen parallel ebenso beschreiten muss. Selten kann man dabei eine digitale Unterstützung bauen, die sich wirklich als passendes Puzzleteil in unser System einfügt und einen wahren Mehrwert für Anwender und Patient:innen bietet. Schließlich sollte es auf keinen Fall zu einem Zeit- oder Qualitätsverlust um des Digitalisierns Willen kommen, gemäß des medizinischen Grundsatzes primum non nocere (zu allererst, verursache keinen Schaden). Mit fesselnden Beispielen von spannenden Start-Ups in Gesundheitsscreening, Neurologie und Praxisorganisation zeigte Dr. Lambertus neue Entwicklungen auf und fasste die Lage im deutschen und europäischen Healthtech Markt aus seiner Sicht noch einmal zusammen.



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Die anschließende lebhafte Diskussion griff viele der Punkte noch einmal auf: Wo sind die aktuellen Hürden? Wie analysiert man in Healthtech die Einstellung der Geldgeber:innen oder Krankenkassen, lernt über die Market Needs und etabliert überhaupt ein Business Model? Wie können auch etablierte Unternehmen Raum für Innovation, eine ‚grüne Wiese‘ schaffen? Und wie kann unser Staat das Potential neuer Entwicklungen unterstützen? Mit Studierenden aus verschiedenen Bereichen, Zuhörern aus Industrie und Wirtschaft und Zugehörigen des REACH waren Perspektiven und Nachfragen aus verschiedensten Bereichen vertreten.


Die zentrale Frage, die bleibt, ist eine, die uns alle in den kommenden Jahren beschäftigen wird:


Wie sollte die Infrastruktur für Medizin zukünftig aussehen?

Wie schaffen wir es, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass auch ‚noch funktionierende‘ Strukturen heute schon erneuert werden sollten? Wie können wir unser gesamtes medizinisches Ökosystem so umbauen, dass es den Anforderungen der Zukunft gerecht wird? Wie würde es aussehen, wenn wir es noch einmal ganz von Beginn am Reißbrett planen, mit all den heute bekannten Hürden, Barrieren und Herausforderungen im Hinterkopf? Und welcher dieser Wege ist der, den wir letzten Endes wählen sollten?


Wir danken Dr. Lambertus für seinen aufschlussreichen Impulse und allen Teilnehmer:innen für ihr Interesse!


LM

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