Wild West In The Digital Age: Impulsvortrag mit Dr. Jan-Ole Reichardt

Datum: 10.12.2020, 20:15 Uhr


„Digitalisierung in der Medizin: Ethische Herausforderungen“

Ein Vortrag von Dr. Jan-Ole Reichardt


Den Auftakt unserer Vortragsreihe, bei der wir uns aus verschiedensten Blickwinkeln mit der Digitalisierung der Medizin auseinandersetzen, bildet kurz vor Weihnachten Dr. Jan-Ole Reichhardt aus dem Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der WWU. Zwanglos vor dem Laptop werden für gegeben geglaubte Annahmen hinterfragt und auch aktuelle Entwicklungen kritisch beleuchtet. Besonders die anschließende Diskussionsrunde bietet viel Raum für persönliche Fragen, die ausführlich debattiert werden.


So beginnt Dr. Reichardt den Begriff Digitalisierung zu definieren, deren Reichweite dem ein oder anderen durch ihren allgegenwärtigen Gebrauch mit Sicherheit nicht mehr ganz bewusst ist. Digitalisierung lässt sich daher auch über das Schlagwort „ubiquitous“ treffend beschreiben: Sie bedeute universellen Zugang, unter Anderem durch die fortschreitende Hardwareverkleinerung und Effizienzsteigerung der IT ermöglicht, sowie eine grenzenlose Datenerfassung, ganz im Sinne des Schlagworts „Big Data“. Sie biete Chancen für mehr Automatisierung und Standardisierung, allerdings im Rahmen eines noch unregulierten, teils rechtsfreien, Raumes, in dem sie sich bewege.


Um die Frage nach „governance and control“ soll es heute ganz besonders gehen, wie sich auch in der späteren Diskussionsrunde zeigt. Wer ist für was verantwortlich im Zeitalter von transnationalen Konzernen? Denn wie in vielen anderen Bereichen, birgt die Globalisierung auch hier die Möglichkeit, in einem Land rechtswidrige Aktionen, in ein anderes Land auszulagern.


In Bezug auf den Arztberuf, spricht Dr. Reichhardt auch über künstliche Intelligenz. Was die Hauptkompetenz der meisten ärztlichen Fachrichtungen ausmache, seien das Auswerten von Daten und das Entwickeln eines Therapieplans. Das alles nach neuestem Wissensstand. Die Blackbox AI, oder zumindest ein digitales „Decision Support System“, scheine an dieser Stelle leistungsfähiger, weniger abhängig von äußeren Einflüssen und könne schneller geupdatet werden, als ein Mensch.


Im Rahmen dieser Entwicklung seien besonders jetzt die Ärzte im Vorteil, die sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Das zeige nicht zuletzt die Coronakrise: Telemedizin erweise sich gerade hier als sichererer und leichter steuerbar, als ein persönlicher Arztbesuch. Allerdings fehle zur jetzigen Zeit noch genau das im Bereich Digital Health: das Persönliche und Zwischenmenschliche.


Im Rahmen der Coronakrise stellt Dr. Reichhardt auch das Konzept des „Overton Window“ vor: alles, was faktisch für realisierbar gehalten wird, bleibe diskursfähig.



So orientiert sich das Diskutierbare immer noch am Denkbaren und der öffentlichen Moral. Als plakatives Beispiel führt er die Vorstellung des Konzepts „eRezept“ von Jens Spahn vor ca. einem Jahr an. Dies erschien vor dem Hintergrund der damaligen Zeit gewagt, Herr Spahn hatte Mühe das Konzept der kritischen Masse zu verkaufen. Heute sei Vieles bereits in Kraft getreten, was noch vor einem Jahr unmöglich schien. Nach entschiedenem Werben für die Corona-Warnapp, werde nun über einen elektronischen Impfausweis diskutiert. Das ursprünglich viel gefürchtete chinesische Modell, also staatliche Erfassung sensibler Daten, scheine nun im Kontext einer globalen Pandemie nicht mehr abwegig, sondern für viele gar wünschenswert.


Auch sprechen wir über das Problem der Erfassung von Grenzgesundheitsdaten. So gehe mittlerweile die Datenerfassung oft weit über den medizinischen Kontext hinaus: Gesichtserkennung könne neben der, für jeden Menschen einzigartigen Gesichtsmerkmale, beispielsweise auch müdes Aussehen registrieren und ein leichter Tremor beim Halten des Handys bliebe nicht unbemerkt. Jeden Tag erlauben wir „ubiquitous data acquisition“, in einer Welt ohne klare Regulation der Verarbeitung dieser Daten.


Hier stellt sich also die entscheidende Frage: Wie kann man, mit den Stellschrauben der Ethik, digitalen Wandel positiv kanalisieren? Denn neben all den zuvor besprochenen Risiken, birgt der digitale Wandel auch Chancen für sonst unlösbare Probleme (nicht zuletzt in der Coronakrise). Dazu brauche es, so Dr. Reichhardt, vor allem einen weltanschaulichen Wertekanon und allgemeingültige Konzepte gelingender Gemeinschaft. Auch im Bereich Medizin, in dem nun nicht mehr nur ein Arzt mit seinem Patient, sondern gleich viele Akteure auf verschiedenen Ebenen interagieren. Hier berge die Digitalisierung das ethische Risiko des Machtmissbrauchs: durch Oligopolbildung einzelner Gesundheitskonzerne seien Interessenskonflikte zwischen Heilerfolg und Gewinnmaximierung nun nicht mehr nur denkbar, sondern schon Realität. Der Hauptumsatzträger der Digitalwirtschaft sei der Handel mit komplexen Informationen über Dritte. Im Zeitalter des Überwachungskapitalismus könne eine übergriffige Datenabschöpfung daher nur gesetzlich unterbunden werden. Dies scheine jedoch, besonders vor dem Hintergrund internationaler Konkurrenz und asymmetrischer Lobbymacht, schwierig. In Zukunft werde es also darum gehen wie ein Staat die Persönlichkeitsrechte seiner Bürger entgegen der Partikularinteressen der „Big Global Player“ (um mit Google, Facebook und Amazon nur einige zu nennen) vertritt.


Die Idee der KI in der Medizin beschreibt Dr. Reichhardt als eine Herausforderung durch neue „Pseudoakteure“ - ein Algorithmus sei keine Person. Welche Pflichten und Rechte kann man diesem also aufzwingen? Kann er Teil eines humanistischen Rechtssystems werden? Wie nimmt man Hersteller in die Verantwortung, die die Schuld an den Handlungen eines dynamischen, selbstlernenden Algorithmus von sich weisen, mit der Begründung mangelnder Nachvollziehbarkeit? Hier nennt Dr. Reichhardt einen möglichen Lösungsansatz: Schnittstellenimplementierung. Um das vermeintlich Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen, brauche es in jedem System Schnittstellen der Nachvollziehbarkeit. So fasst er bildlich zusammen: „Wir müssen verhindern, dass Medizinprodukte geschwätzig werden.“


Dieses Risiko berge auch die „Software-isierung“ des Menschen: was passiert, wenn ein bereits eingebautes Implantat ein Update benötigt? Solange der Hersteller auf seinem Betriebsgeheimnis beharrt und die Funktionsweise nicht offen legt, bestünde die Gefahr der Entfremdung. Die nun exklusiven Rechte von Dritten an etwas fremdem und nun doch persönlichem und körpereigenem, würden großes Konfliktpotential umfassen. Was wäre, wenn das Implantat nun anfinge auch grenzmedizinische Daten zu sammeln, indem es den Träger abhört, da diese einen weitaus größeren monetären Anreiz böten, als der reine Verkauf des Rohproduktes? Bei all diesen Innovationen kann, trotz gleichbleibendem Grundgerüst, die Kompetenz eines Systems durch einen Ausbau seiner Zugriffsrechte extrem erweitert werden.


Einmal mehr wird deutlich, dass im Rahmen der rasanten Entwicklungen, die wir zur Zeit erleben, ein regelmäßiges kritisches Hinterfragen und klare Richtlinien für Innovation entscheidend sind. Nur so wird es möglich, die schiefe Ebene, auf die wir uns manchmal begeben, anzugleichen.


Nach einer spannenden anschließenden Diskussionsrunde, neigt sich auch unser erster Vortragsabend seinem Ende und hinterlässt uns mit geschärftem Blick für die ethischen Implikationen einer digitalisierten Medizin. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die engagierte Teilnahme und an Dr. Reichhardt für seine Bereitschaft, sein Wissen mit uns zu teilen!

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